Leben im Tiny-House-Village

Grundstück gefunden, die Bewohner stehen in den Startlöchern: Auf in ein neues Tiny (Wohn-)Leben. Wie kann so ein Tiny Village funktionieren?

Vorbemerkungen:

Das Team Gemeinwesen des Tiny House Franken e.V., gegenwärtig aus 4 Personen bestehend, hat dazu eine Empfehlung erarbeitet, die helfen soll, das Zusammenleben innerhalb der entstehenden Communities – im weiteren Verlauf auch Tiny House Village – zu gestalten.

  • Unser Entwurf will eine Hilfestellung, Handreichung sein, eine Sammlung von Denkanstößen für zukünftige Bewohnerinnen und Bewohner möglicherweise ganz unterschiedlicher Projekte.
  • Deshalb ist er offen und flexibel für Anpassungen im Rahmen der Tiny- House-Idee.

Viele Punkte sind abhängig vom Ziel der Gemeinschaft, der Ausgestaltung/Ausrichtung des Projektes, den Interessen und Kompetenzen, Lebenssituationen und finanziellen Möglichkeiten der Bewohnerinnen und Bewohner, den örtlichen Gegebenheiten sowie der Größe des Projektes. [Konzeptpapier Stand Okt. 2020]

Wie können wir das Leben im Tiny-House-Village

Nach dem Motto „so wenig wie möglich, so viel wie nötig“ (Regulierung und Vorgaben) und „sowohl als auch“ (Gemeinschaft und Individualität in Balance):

 Der Gedanke, von dem wir uns leiten lassen, lautet hier das Zusammenleben individuell und selbst bestimmt und gleichzeitig gemeinsam und respektvoll zu entwickeln und zu gestalten.

Wir wünschen uns eine Form gemeinschaftlichen Wohnens, die allen Beteiligten ausreichend Freiraum zur persönlichen Entfaltung bietet.

Das ist uns wichtig:

Unter dem Aspekt des achtsamen Umgangs mit sich, miteinander und der Umwelt sollte Folgendes Beachtung finden:

  • das Minimalisieren des Alltagsbedarfs
  • eine ökologische Grundhaltung
  • Gelebte Nachhaltigkeit
  • eine sozialorientierte, solidarische Lebensauffassung
  • Gleichberechtigung/Gleichwertigkeit der Bewohner*innen
  • die Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme, der Aufgabenteilung und gegenseitiger Unterstützung
  • eine aktive Mitbestimmung
  • gegenseitige Toleranz und Rücksichtnahme
  • die Bereitschaft zur Konfliktlösung
  • Achtsamkeit im Miteinander und Füreinander mehrerer Generationen
  • Offenheit und respektvoller Umgang
  • Gewaltfreie Kommunikation
  • Verbindlichkeit bei Absprachen
  • Freiwilliges Engagement
  • eine gute Balance zwischen Nähe und Distanz
  • Recht auf Rückzug
  • lebendiger Austausch im näheren und weiteren Wohnumfeld
  • Barrierefreiheit

Das Zustandekommen einer Bewohner*innengruppe

Der Zugang zur Gruppenfindung kann sehr unterschiedlich sein:

  • Menschen, die sich schon im Vorfeld als Gruppe gefunden haben, verwirklichen ihre gemeinsamen Wohn-Ideen.
  • Interessenten für ein bestimmtes Grundstück, die ein aufeinander abgestimmtes Zusammenleben bestimmen.
  • Ein oder mehrere Aspekte des Lebens in einem Tiny-House-Village stehen im Fokus der Gemeinschaftssuche.
  • ………

Die Entscheidungsfindung im Gruppenbildungsprozess

Wer sich mit der Idee gemeinschaftlichen Wohnens und Lebens beschäftigt und in ein Tiny-House-Projekt einsteigen möchte, sollte sich zunächst über die eigenen persönlichen Bedürfnisse, Vorstellungen und Möglichkeiten im Klaren sein:  

  • Will ich einfach gut nachbarschaftlich wohnen,
  • gemeinschaftlich leben oder
  • suche ich eine Lebensgemeinschaft?        

Hat sich eine Gruppe gefunden, bestimmt sie, ob sie in Selbstorganisation oder/und mit Mediatoren (Coach) ihren weiteren Entwicklungsprozess gestaltet.

Dabei können Interessierte ihre Erwartungen, Hintergründe, Potenziale, Kompetenzen kennenlernen und Synergieeffekte bewusst nutzen.

Das Prinzip der Selbstorganisation

Innerhalb der Gemeinschaft organisieren sich die Bewohner*innen nach Bedarf und Prinzip, selbstverantwortlich und eigenständig.

Die Regeln des Zusammenlebens, das Verhältnis von Nähe und Distanz, von Fürsorge und Eigenständigkeit ebenso wie Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen werden in der Gruppe entwickelt (Beispiele dazu folgen…)

Vertragsabschluss und Verpflichtungserklärung

  • Die Gruppe klärt welche Rechtsform gegründet wird und wie sich daraus ergebend die finanziellen Beteiligungen und Pachtverträge gestalten.

Oder:

  • Der Verein klärt die Rechtsform und bietet den interessierten Bewohner*innen die finanziellen Beteiligungen und den Pachtvertrag.
  • Sinnvoll ist es weiterhin verbindliche Grundsätze des Zusammenlebens und eine Verpflichtungserklärung auf gemeinsame Werte zu formulieren.

Der Verein als auch der Verband können in diesen Fragen Erfahrungen weitergeben, Beratung anbieten und/oder Kontakte zu Profis vermitteln.

Wie wollen wir das Miteinander aktiv gestalten? Wie kommunizieren wir?

Wenn wir uns begegnen, kommunizieren wir – verbal und non-verbal.

Gute Kommunikation und Information sind wichtige Erfolgsfaktoren für ein reibungsarmes Zusammenarbeiten und Leben in Gemeinschaften.

Kommunikation kann nur dann dauerhaft gelingen, wenn die Gesprächspartner in der Lage sind, sich in ihr Gegenüber einzufühlen (Empathie), sich als gleichwertig zu erachten und sich jederzeit mit Wertschätzung zu begegnen.

Eine Haltung, aktiv und offen für wertschätzende Kommunikation und Selbstreflexion beruht in Anlehnung an die gewaltfreie Kommunikation, auf dem Grundsatz: „Ich bin ok, Du bist ok“.

Dies meint:

  • Gleichwertigkeit der Gesprächspartner und die Berücksichtigung der verschiedenen   Bedürfnisse
  • das respektvolle Kommunizieren auf Augenhöhe
  • die Auflösung/ Reduktion alter Muster von Verteidigung, Rückzug und Angriff (z. B. aggressive Reaktionen)
  • Wertschätzung und Aufmerksamkeit für die Gesprächspartner*innen
  • Einfühlungsvermögens und Wahrnehmung der Befindlichkeiten des Gegenübers
  • Ausdruck der eigenen Gefühle und Bedürfnisse, mit Rücksichtnahme des Gegenübers
  • das Formulieren von Bitten, ohne Drohung, Manipulation oder Erpressung
  • faktenorientierte und faire Auseinandersetzung
  • konstruktive, faire Beseitigung von Konflikten
  • Entwicklung von Problemlösungen, die für alle gewinnbringend sind („Win-Win-Situation“)

(Nach dem Konzept von Dr. Marshall Rosenberg)

Erfahrungsgemäß braucht diese Art der Kommunikation immer wiederkehrende Aufmerksamkeit und bewusste Einübung.

Grundsätzlich empfehlen wir die Einführung eines regelmäßig tagenden Plenums, das dem Kennenlernen, Planen, Ansprechen von wichtigen Themen, der Entwicklung einer offenen Gesprächskultur und dem Vorbeugen oder Bearbeiten von Konflikten dient.

Wie lösen wir Konflikte?

Eine ehrliche, wertschätzende Kommunikation vermeidet viele Konflikte!

Gleichzeitig ist es menschlich, dass es in einer Gemeinschaft zu Konflikten kommt, weil unterschiedliche Positionen auch zur Lebendigkeit einer dynamischen Lebensform gehören.

Um auftretende Konflikte zu lösen, hilft auch hier die Haltung des respektvollen, gewaltfreien Umgangs im Miteinander und Füreinander.

Handelt es sich um einen schwerwiegenden Konflikt, der das Zusammenleben in der Community stark beeinträchtigt, wäre u.U. auch die Unterstützung durch professionelle Methoden, wie Mediation oder Intervision/Supervision, sinnvoll. 

Im Anhang findet sich ein Handout mit beispielhaften Anleitungen für ein effektives Konfliktmanagement.

Wie treffen wir Entscheidungen?

Jede Gruppe entwickelt für sich Entscheidungsstrukturen.

Sie legt z.B. fest wofür Mehrheitsentscheidung, Konsens, Einstimmigkeit oder soziokratische Entscheidung notwendig und geeignet sind.         

Wie gestalten wir unser Projekt?

In einem Tiny-House-Village gibt es Berührungsflächen persönlicher und gemeinschaftlicher Art hinsichtlich

  • der Motivation, der Ziele und Wünsche Einzelner
  • gemeinsamer Nutzung von Räumen und Gemeinschaftsflächen
  • gemeinsamer Unternehmungen und Aktivitäten (z. B. Kreativität, Kultur intern & extern)
  • des Teilens und Tauschens (z.B. Neben-/ Gästeräume, Café, Permakultur-Gärten, Geräte, Fahrzeuge)
  • ……………..

Wie organisieren wir daraus resultierende Aufgaben und welche Aufgaben übergeben wir an den Verein?

Sinnvoll erscheint das Erstellen einer To-do-Liste mit allen anfallenden Aufgaben, z.B.

  • Gestaltung und Pflege von Gemeinschaftsflächen und Gebäuden, der Beteiligung an projektbezogenen Aktivitäten wie Veranstaltungen und Workshops, das Betreiben eines Cafés, die Organisation einer Verwaltung, Gemüseanbau, Öffentlichkeitsarbeit, gegenseitige Hilfe und Unterstützung bei Bedarf.

Zu klären ist u.a.

  • die Bereitschaft zum Engagement füreinander und das Projekt. und der Umfang
  • Soll die Organisation der Aufgaben nach Zeitkontingenten, Interessen, Kompetenzen, Freiwilligkeit erfolgen?
  • Wie viel wollen wir selbst machen, was wollen wir auslagern, evtl. professionelle Kräfte einstellen wie z.B. Hausmeister*in?
  • Brauchen wir eine Organisationsstruktur, ein Leitungsgremium, Arbeitsgruppen?

Wie gestalten wir nachhaltiges Leben?

Zur Tiny-House-Idee gehört neben dem minimalisierten Wohnen auch ein achtsames Konsumverhalten mit einem nachhaltigen Lebensstil.

Das bedeutet konkret:

  • Wir schonen Ressourcen, indem wir energieeffiziente Techniken, ökologische Baustoffe und erneuerbare Energien einsetzen.
  • Unseren persönlichen Bedarf minimieren wir, indem wir z.B. Gemeinschaftsräume, Gebrauchsgegenstände, Fahrzeuge und vieles mehr teilen und tauschen.
  • Weitere Schwerpunkte können Müllvermeidung, Kompostierung bis hin zu Permakultur, biologische Ernährung und/oder Selbstversorgung sein.

Expert*innen im THF tragen mit ihrem reichhaltigen und fachkundigen Wissen zur Umsetzung und ständiger Weiterentwicklung des Nachhaltigkeitsgedankens bei.

 Resümee:

Im Mikrokosmos eines Tiny-House-Village können wir durch einen kreativen Gestaltungsprozess aktuelle wissenschaftliche Erkenntnis mit Pioniergeist, Forscherfreude und dem Wagen von Neuem verbinden und damit ein sinnstiftendes, zukunftsweisendes Lebensmodell entwickeln und umsetzen.

Wenn du ein Schiff bauen willst, dann rufe nicht die Menschen zusammen, um Holz zu schlagen, Werkzeuge zu holen, Pläne zu schmieden und Arbeit zu verteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem großen weiten Meer.

Antoine de Saint-Exupery

Für euch zum nachlesen:

 

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